Gedenken im Würmtal

Gedenkfeier am Jüdischen Friedhof Gauting
Gedenkfeier am Jüdischen Friedhof Gauting
Am 26. und 27. April 1945 wurden Tausende Häftlinge des KZs Dachau und seiner Außenlager Allach und Kaufering in drei Todesmärschen in Richtung Alpen getrieben. Entlang dieses Leidenswegs errichteten u.a. die Würmtaler Gemeinden Gauting, Gräfelfing, Krailling und Planegg Mahnmale zur bleibenden Erinnerung an jene Nazi-Verbrechen in den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges. 

Seit über 20 Jahren veranstalten wir als gemeinnütziger Verein den Würmtaler Gedenkzug unter dem Motto:
„Denkmale lebendig machen -
den Stab der Erinnerung an die Jugend weitergeben.“


Dabei unterstützen uns SchülerInnen und Lehrkräfte des Feodor-Lynen-Gymnasiums, des Kurt-Huber-Gymnasiums, des Otto-von-Taube-Gymnasiums, der Staatlichen Realschule Gauting und Vertreter der christlichen Kirchen wie der jüdischen Gemeinde sowie die Kommunen im Würmtal und halten die Verbindung zu Überlebenden und deren Familien im Zeichen der Versöhnung aufrecht.
 
Beim jährlichen Totengedenken auf dem jüdischen Friedhof in Gauting und weiteren Veranstaltungen im Zusammenhang mit der Erinnerungsarbeit an den Holocaust versuchen wir im Schulterschluss mit ähnlich ausgerichteten Initiativen unseren dringender denn je benötigten Beitrag zu leisten gegen das Vergessen bzw. Wiedererstarken von Nationalismus, Rassismus, Totalitarismus, Militarismus und Imperialismus in jeglicher Form.

Judenverfolgung im Würmtal

Wegen ihrer jüdischen Abstammung wurden in der NS-Zeit von 1933 bis 1945 folgende Bewohner der Würmtal-Gemeinden bedrängt und verfolgt:

Deportiert ins Ghetto Theresienstadt sowie in KZ- und Vernichtungslager:

Babette Renate Casella (* 1885), geborene Hamburger
Sie lebte mit ihrem Ehemann Maximilian Casella (* 1879) seit 1917 in Planegg. 1929 bauten sie ein Wohnhaus in der Thürheimstraße 9. Maximilian wurde als „jüdisch versippter“ Beamter frühpensioniert und starb 1941 in München. Babette, die evangelisch war, wurde aufgrund ihrer jüdischen Herkunft am 12. Januar 1944 in Planegg von der Gestapo abgeholt, am 14. Januar 1944 von München nach Theresienstadt deportiert und dort im Mai 1945 befreit. Sie kehrte nach Planegg zurück und starb 1959. Die Tochter Mathilde (Tilla) Casella (* 1923) war wie der Vater katholisch. Sie entkam als „Halbjüdin“ der Deportation.

Freiherr Rudolf von Hirsch (* 1875)
Der promovierte Naturwissenschaftler entstammt der 1817 von König Maximilian I. in den Adelstand erhoben, ursprünglich jüdischen Familie, deren Planegger Zweig katholisch wurde. Er war der Assistent des berühmten Physikers Wilhelm von Röntgen und wurde 1918 Schlossherr und Gutsbesitzer von Planegg. Er nahm am 1. Weltkrieg teil und war Träger des Eisernen Kreuzes II. Klasse. Während der Pogromnacht vom 9. auf 10. November 1938 verübten SS-Männer in Zivil unter der Leitung des Kreistagspräsidenten von Oberbayern Christian Weber einen Brandanschlag auf das Schloss Planegg. Hintergrund war die Weigerung Hirschs, Jagdrechte auf seinem Gut an Weber abzutreten. Einige Zimmer des Schlosses brannten aus, da die Feuerwehr durch Waffengewalt am Löschen des Brandes gehindert wurde. Rudolf von Hirsch wurde zusammen mit seinen Söhnen Theodor und Ferdinand noch in der Nacht in „Schutzhaft“ genommen und acht Tage lang im KZ Dachau interniert. Er wurde genötigt, sein Schloss an die Stadt München abzutreten, die Jagdrechte erhielt schließlich Weber. Im Juni 1942 wurde Rudolf in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er Anfang Mai 1945 durch die Rote Armee befreit wurde. Aus Dankbarkeit für seine glückliche Heimkehr stellte Rudolf von Hirsch Bauland für die sogenannte Naumann-Siedlung zur Verfügung. In Anerkennung seiner Verdienste wurde er 1953 Ehrenbürger von Gräfelfing und Planegg und erhielt das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Er starb 1975 im Alter von 99 Jahren in Planegg.
Freiherr Karl Moritz von Hirsch (* 1871)
Der promovierte Chemiker lebte als Brauereibesitzer und Privatier in Planegg. Bei dem SS-Überfall auf das Schloss Planegg in der Pogromnacht vom 9. auf 10. November 1938 wurde er am Kopf verletzt und in die das Schloss umfließende Würm geworfen. Im Juni 1942 wurde er zusammen mit seinem Bruder Rudolf in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er mit 73 Jahren im Juni 1944 aufgrund der unerträglichen Lebensbedingungen starb.

Maria Offner (* 1869), geborene Benfey
Sie wohnte seit 1935 in Gauting in der Frühlingstr. 324, davor war ihr Ehemann Oberstudiendirektor Prof. Dr. Max Joseph Offner (* 1864) verstorben. Obwohl Maria Offner katholisch war, galt sie nach den „Nürnberger Gesetzen“ als Jüdin. Am 13. Januar 1944 wurde sie von München in das Ghetto Theresienstadt deportiert und dort im Mai 1945 befreit. Sie kehrte in ihre Gautinger Wohnung zurück und starb 1951.

Friderika (Ricca) Traut (* 1856), geborene Mayer
Sie war mit dem Großhändler Berthold Traut verheiratet, der in Planegg auf dem Anwesen Maria Eich 6 1/2 (später Hofmarkstraße 13) die Villa Rosa bauen ließ, in der die Familie seit 1900 wohnte. Berthold Traut starb vor 1933, Ricca wurde am 11. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 19. September 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Die Tochter Irene heiratete 1910 den Kaufmann Adolf Wolfsheimer (* 1859), der seit 1904 in der Villa Traut wohnte. Irene starb 1931 in Eglfing, Adolf 1937 in Planegg.
Eugenie Rosalie (Rosa) Traut (* 1882)
Die Tochter von Ricca und Berthold Traut, die unverheiratet blieb und als Kunstgewerblerin tätig war, wohnte in Planegg in der Adolf-Wagner-Straße 13. Sie wurde am 20. November 1941 mit dem ersten Transport von München in das KZ Kaunas in Litauen deportiert und dort am 25. November 1941 ermordet.

Antonie Dina Wohlfeiler (* 1973), geborene Friediger
Sie war mit dem Gastwirt Josef Wohlfeiler (* 1868) verheiratet. Das Ehepaar zog 1899 nach Planegg, wo es mit den Kindern Regina (* 1895), Leopold (* 1899), Julius (* 1903) und Helene Eleonore (* 1904) in der Pasinger Straße 32 lebte. 1921 bekam Antonie von ihrem Vater das Anwesen Pasinger Straße 31b in Planegg geschenkt. 1924 starb Josef Wohlfeiler in Planegg. Antonie Dina Wohlfeiler wurde am 4. Juli 1942 von München nach Theresienstadt deportiert und starb dort am 2. August 1942. Die Tochter Regina war mit dem Schlosser Johann Riegl aus Planegg verheiratet. Sie lebte mit Ehemann und Sohn in München und entkam dank der „Mischehe“ der Deportation. Sie starb am 1946 in München.
Leopold Wohlfeiler (* 1899)
Der Sohn von Antonie Dina und Josef Wohlfeiler Leopold wurde am 9. Juni 1942 im Zwangsarbeiterlager Nadworna ermordet.
Julius Wohlfeiler (* 1903)
Der Sohn von Antonie Dina und Josef Wohlfeiler, der ab 1934 in Berlin wohnte, wurde am 21. November 1944 in Mauthausen ermordet.

In den Suizid getrieben:

Dr.med. Erich Aschenheim
Der Arzt wohnte in Krailling in der Georg-Schuster-Straße 26. Seine Praxis in Krailling musste er im Oktober 1938 aufgeben, da Juden die ärztliche Approbation aberkannt wurde. 1939 beging er Suizid.

Emanuel Ast (* 1887)
Der Kaufmann wohnte von 1921 bis 1933 in Gräfelfing in der Bahnhofstraße 83. Am 26. Juli 1943 verübte er in Berlin-Wilmersdorf Suizid.

Ernst Darmstaedter (* 1877)
Der promovierte Chemiker Ernst Darmstaedter wohnte seit 1934 in Stockdorf in der Bennostraße 83 ½. Er verübte nach der „Kristallnacht“ in Stockdorf Suizid durch Veronal und starb am 13. November 1938.

Ehepaar Mannheimer
Der Provisionsvertreter einer Bettfedernfabrik Julius Mannheimer (* 1886) und seine Ehefrau Louise (* 1889), geborene Hamburger, die in München wohnten, begingen am 12. November 1941 Suizid, nachdem sie den Befehl zur „Evakuierung“ erhalten hatten. Sie warfen sich auf der Bahnstrecke zwischen Stockdorf und Gauting vor den Zug.

Helene Eleonore Wohlfeiler (* 1904)
Die Tochter von Antonie Dina und Josef Wohlfeiler beging 1942 in Planegg Suizid, wo sie bei der Mutter wohnte.

Durch Emigration, „Mischehe“ oder als „Mischlinge“ vor Deportation gerettet:

Frieda Eder (* 1892), geborene Solinger
Sie wohnte seit 1936 in Gräfelfing in der Aribostraße 51. Verheiratet war sie mit Landgerichtsrat Josef Eder (* 1882). Obwohl sie katholisch war, galt sie nach den „Nürnberger Gesetzen“ als Jüdin. Dank der „Mischehe“ entging sie aber der Deportation und verstarb 1954 in Gräfelfing.

Walter Goldstern (* 1905)
Der Diplomingenieur war mit der Photographin Charlotte Fuchs (*1906) verheiratet. Er lebte von 1935 bis 1936 in Stockdorf in der Zugspitzstraße 89 und entging dank der „Mischehe“ der Deportation.

Irma Heinrich (* 1908)
Die Studien-Assessorin wohnte vor 1937 in Gauting in der Unterbrunnerstraße 8. Als „Mischling 1. Grades“ überlebte sie die Nazi-Zeit in München.

Hedwig Kitzler (* 1866), geborene Loewi
Sie war evangelisch und mit dem Oberforstmeister Jakob Kitzler (* 1875) verheiratet. Das Ehepaar wohnte seit 1937 in Stockdorf in der Alpenstraße 44. Dank der „Mischehe“ entging Hedwig der Deportation, sie starb am 8.10.1945 in Stockdorf.

Dr. Leopold Knopf (* 1876)
Der Anwalt lebte von 1927 bis 1931 in Gräfelfing in der Spitlbergerstr. 3. Er war verheiratet mit Frieda Biegelmeyer (* 1888), emigrierte im November 1933 in die Schweiz und kam über Italien 1939 in die USA, wo er 1943 starb.

Familie Kreutzer
Der Prokurist Georg Friedrich Kreutzer (* 1863) wohnte mit seiner dritten Ehefrau Elsa (* 1895), geborene Jolles, und der Tochter Marga Mia (* 1920) von 1934 bis 1936 in Gräfelfing in der Geigerstr. 5. Die Tochter Ruth (* 1930) starb vermutlich vor dem Umzug nach Gräfelfing. Georg Kreutzer entkam als „deutschblütiger Bekenntnisjude“ (er trat 1918 anlässlich seiner dritten Heirat dem Judentum bei) der Deportation. Er starb am 14. Januar 1945 in München. Die Tochter Marga Mia emigrierte 1939 von Hamburg nach Manchester. Auch die Ehefrau Elsa, durch die „Mischehe“ geschützt, entkam der Deportation. Sie wanderte 1949 zu ihrer Tochter Marga nach England aus.

Familie Levin
Der Chemiker Dr. Kurt Levin (* 1888) lebte ab 1929 mit Frau Dora (* 1889), geborene Fischer, und den Kindern Ludwig (* 1918), Eva Johanna (* 1919) und Jakob (* 1922) in Planegg in der Adolf-Wagner-Straße 1 (Hofmarkstraße). Am 10 November 1938, dem Tag nach der sogenannten „Reichskristallnacht“, wurde die Familien aus ihre Mietwohnungen vertrieben, Kurt Levin durch den Nazi- Bürgermeister Tries aus Planegg ausgewiesen. 1939 konnten Kurt und Dora Levin sowie die Söhne Ludwig und Jakob nach Nordirland emigrieren, die Tochter Johanna starb 1933 im Alter von 13 Jahren.

Lotte Lippl (* 1906), geborene Kahn
Die Säuglingsschwester wohnte mit Ehemann Louis Robert Lippl, einem in Brüssel 1908 geborenen Architekten und Bildhauer, und den Kindern Barbara (* 1935), Michael (* 1936) und Josefine (* 1938) in Gauting in der Planeggerstraße 102 und ab 1944 in der Ammerseestraße 7. Obwohl sie wie ihr Ehemann und die Kinder katholisch war, galt sie nach den „Nürnberger Gesetzen“ als Jüdin. Dank der „Mischehe“ wurde sie aber nicht deportiert. Lotte Lippl emigrierte mit ihren drei Kindern 1949 nach Israel.

Ludwig Nussbaum (* 1898)
Der Kaufmann wohnte seit 1932 in Gräfelfing in der Planegger Straße 23. Er wurde nach der „Kristallnacht“ am 9. November 1938 in „Schutzhaft“ genommen und im KZ Dachau inhaftiert. Nach seiner Freilassung ist er 1939 nach Shanghai emigriert. Seine 1930 geschlossene Ehe mit der kaufmännischen Angestellten Else Sophie Julie Dorsch wurde 1940 geschieden.

Familie Silberstein
Der Kaufmann Jakob Silberstein (* 1861) und seine Ehefrau Rosalie (* 1870), geborene Bick, die ein Putzgeschäft betrieb, zogen Anfang 1933 nach Planegg in die Heimstättenallee 3 (später Schlageterallee 3), wo sie ein Haus gebaut hatten. Jakob Silberstein starb 1934, Rosalie 1937. Die Töchter Johanna (* 1894), mit Eugen Walletshauser verheiratet, Elsa (Bela) (* 1896), mit dem Zahntechniker Maximilian Reith verheiratet, und Elfriede (* 1897), mit Anton Fischer verheiratet, entgingen der Deportation dank ihrer nichtjüdischer Ehemänner („Mischehe“). Der Sohn Adolf Silberstein (* 1906) wohnte ab Oktober 1938 in Planegg in der Schlageterallee 3. Er emigrierte Anfang 1940 nach New York, seine Ehefrau Irma, geborene Schädel, folgte ihm im April 1940. Deren im März 1940 geborene Tochter Evelyne starb 1941.

Julius Stern (* 1884)
Der Ingenieur, der im 1. Weltkrieg schwer verletzt wurde und international im Schwimmsport als der Erfinder des genormten Sprungbretts bekannt war, wohnte von 1932 bis 1942 und erneut ab Ende 1945 in Lochham in der Maria-Eich-Straße 11 (früher 52). Er war verheiratet mit Therese (Resl) Schmid (* 1892). Während der Nazizeit wurden ihm sportliche Tätigkeiten verboten, dank der „Mischehe“ entkam er aber der Deportation. Resl Stern starb 1962 in Lochham, Julius Stern starb 1966 in Krailling.

Lena (Lotte) Stiller (* 1899), geborene Schwabe
Sie war mit dem Mechaniker Georg Stiller (*1894) verheiratet. Das Ehepaar wohnte, nachdem es in München ausgebombt wurde, seit 1944 in ihrem Wochenendhaus in Gauting in der Frühlingsstr. 35. Obwohl Lotte katholisch war, galt sie nach den „Nürnberger Gesetzen“ als „jüdischer Mischling 1. Grades“. Dank der „Mischehe“ entkam sie der Deportation. Sie starb 1948 in Gauting.

Der Verein "Gedenken im Würmtal" dankt den Gemeindearchiven Gauting, Gräfelfing, Krailling und Planegg sowie dem Stadtarchiv München für die Unterstützung der Recherche, die noch fortgesetzt wird.

virtueller Gedenkzug 75 Jahre Dachauer Todesmarsch

Am Sa. 2. Mai 2020, an dem ursprünglich die Gedenkfeier in Dachau geplant war, sandte der Verein "Gedenken-im-Würmtal" dieses Video

 virtueller Gedenkzug 2020 

an alle Interessierten und insbesondere die Freunde in Israel.

Hier sind zusätzlich die einzelnen Beiträge aus der obigen Zusammenfassung in voller Länge abrufbar:

Vereinsmitglieder "Gedenken-im-Würmtal" - Teil 1

Vereinsmitglieder "Gedenken-im-Würmtal" - Teil 2

Christoph Göbel (Landrat Landkreis München)

Uta Wüst (1. Bürgermeisterin a.D. Gräfelfing)

Heinrich Hofmann (1. Bürgermeister a.D. Planegg)

Harald Zipfel (1. Bürgermeister Neuried)

Rudolph Haux (1. Bürgermeister Krailling)

Brigitte Kössinger (1. Bürgermeisterin Gauting)

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