Resultate unserer Quellenanalyse

Unsere Quellenanalyse der beiden amerikanischen und niederländischen Hauptquellen und der Zeugenaussagen insbesondere von ehemaligen Häftlingen und SS-Angehörigen sollte vor allem folgende offene Fragen klären und bisherige Ergebnisse korrigieren und ergänzen:

1. "Todesmarsch von Dachau"

Korrektur und Ergänzung des Dachauer Marsches von 6887 Häftlingen vom 26.4.1945, seiner Wege, Orte, Zahlen und Zeiten. Klärung der Frage "Tegernseer Tal", vor allem mit Hilfe der "Pfarrerberichte".

2. Evakuierung der Lager des Kauferinger Kommandos

Ergänzung und Korrektur der lückenhaften Informationen über die Lagerstruktur mit fast 12 000 Häftlingen. Angesichts der lückenhaften Angaben der bisherigen Quellen, die nur zwei Evakuierungsmärsche von insgesamt 2700 Häftlingen und einen Bahntransport von 3400 Häftlingen benennen, mit insgesamt 6100 Häftlingen also nur etwas mehr als die Hälfte der Kauferinger Häftlinge, Versuch einer Klärung dieser wichtigsten offenen Frage mit Hilfe zusätzlicher Zeugenaussagen. Wir kamen auf Grund von Zeugenaussagen zu dem Ergebnis, dass noch drei weitere Evakuierungsmärsche von Kaufering nach Allach, Dachau und wahrscheinlich auch nach Emmering führten, wobei ein Teil dieser 5900 Häftlinge zu Fuß oder per Bahn weiter nach Süden verbracht wurden.

3. Evakuierungsmarsch von Allach

Ergänzung durch den Evakuierungsmarsch von etwa 2000 Häftlingen aus dem Außenlager Allach, die mit dem Dachauer Zug von Leutstetten bis Wolfratshausen und teilweise bis Waakirchen marschierten.

4. Evakuierungsmärsche aus dem Osten Münchens

Ergänzung durch die Evakuierungsmärsche von rund 2500 Häftlingen aus den Lagern München-Riem, München-Giesing und Ottobrunn, insbesondere Klärung ihres Schicksal seit dem 30.4.45 bei Bad Tölz und Prüfung der Wahrscheinlichkeit des Marsches zumindest der 1500 Riemer Häftlinge ins Tegernseer Tal.

5. Bahntransporte aus Dachau, Kaufering und Mühldorf

Die weitgehend zutreffenden Informationen der Hauptquellen, die jedoch hinsichtlich der Herkunft der Häftlinge Defizite aufweisen, mussten wir nur geringfügig ergänzen. Auch zur Frage nach dem Bahntransport Kauferinger Häftlinge ab Emmering konnten wir durch Prüfung wahrscheinlicher Möglichkeiten nur einen beschränkten Beitrag leisten. Nicht einmal die Frage des Schicksals des "Bahntransport (Juden) 1759", wie er im Dachauer Marschbefehl vom 26.4.1945 genannt wurde, konnten wir mit Klarheit beantworten.

6. Klärung des Schicksals von über 10 000 Häftlingen

Mit der schwierigen Prüfung der Evakuierung der 12 000 Kauferinger Häftlinge und der Evakuierung der rund 4 500 Häftlinge aus Allach und dem Osten Münchens konnten wir Erkenntnisse über das Schicksal von über 10 000 Häftlingen gewinnen, über weit mehr als der ursprüngliche "Todesmarsch von Dachau" mit 6887 Häftlingen

Unsere kritische Analyse der Haupt- und Nebenquellen über die Todesmärsche und Todeszüge aus dem KZ Dachau und seinen Außenlagern sollte nicht beckmesserisch Anstrengungen von Forschern zerrupfen, die im quellenschwachen Terrain einen Weg in die historische Wirklichkeit suchten und bestmöglich fanden. Wir wollten erkennbar machen, dass angesichts des Chaos der letzten Kriegstage, der Kräfte zehrenden Nachtmärsche von nicht ortskundigen Zeugen und ihres schwachen Erinnerungsvermögens in späteren Prozessen eine lücken- und widerspruchslose, faktisch, geografisch und zeitlich glaubwürdige Darstellung nicht möglich ist. Was zählt, ist der Versuch und die Anstrengung, das tragische Schicksal der Häftlinge auf diesen wahrlich todbringenden Märschen und Bahntransporten möglichst faktengetreu in Erfahrung zu bringen und darüber möglichst wirklichkeitsnah zu berichten.